Archiv der Kategorie: KHK

Das Blutdruckchaos

Da reden die Experten – oder solche, die sich dafür halten – seit Jahren über den so genannten optimalen Blutdruck und legen, was Wunder, Grenzwerte fest. Grenzwerte  sind heute in aller Munde, allerdings meist im Zusammenhang mit der blamablen Verhaltensweise unser Autoindustrie. Jetzt und hier geht es aber um den arteriellen Blutdruck, Risikofaktor Nummer eins für Schlaganfall und Herzinsuffizienz.

Die transatlantischen und europäischen Welten differieren. Erheblich. So empfiehlt ein Gremium in de USA, den syst. Blutdruck in jedem Fall auf unter 130/80 mm Hg zu senken. In Europa soll der Blutdruck unter 140/90 mm Hg gesenkt werden. In einer jetzt veröffentlichten Studie (2018 HYVET;Hypertension in the Very Elderly Double Blind Trial) kommt zum Ausdruck, dass eine solche Senkung (unter 130 mm Hg) auch bei Älteren (>75) zu einer Senkung des Sterberisikos um 33% führt. kardiovaskuläre Vorerkrankungen waren dabei allerdings ausgeschlossen und die Nachbeobachtungszeit belief sich auf 1,8 Jahre.

BIS Studie
In der Berliner Initiative Studie (BIS; Beginn 2009) bei Patienten mit Vorerkrankungen und über 70 Jahren kam nun jedoch heraus, dass das so nicht stimmen kann. Diese Patienten haten bei einer Senkung des Blutdrucks auf unter 140 mm Hg ein massiv erhöhtes Sterberisiko, nämlich von bis zu 61%

Diese sehr aussagekräftige 10Jahres-Studie läßt den Schluss zu, dass bei den Älteren der so genannte „Erfordernishochdruck“ denn doch eine Rolle spielt. Dieser ist uns Alten aus unseren Lehrbüchern der Inneren Medizin, also von vor 50 Jahren, wohl bekannt und auch die ärgerlichen Kommentare der Besserwisser ebenso, die uns zuriefen „veraltet“, „gefährlich“, „übertrieben“ und massiv zur intensiven medikamentösen Therapie, über die das letzet Wort ja auch noch nicht gesprochen ist, aufriefen.

Hinzu kommt, dass die USA-Grenzwerte zu nichts anderem führten, nämlich zu einer noch intensiveren Befriedigung der Ansprüche der leidenden Pharmaindustrie, ihren Umsatz zu erhöhen. Da ist es nun wieder wie bei der Autoindustrie.

Ich bin für die Berücksichtigung von BIS und würde eine Erniedrigung des Blutdrucks bei uns Älteren unter 140 mm Hg für nicht „erforderlich“ halten!

Fischöl oder nicht?

Es geht nochmals um die Omega-3-Fettsäuren, also das berühmte Fischöl.

REDUCE-IT heißt die Studie, die im New England Journal of Medicine 2018 publiziert wurde und derzeit für einiges Aufsehen sorgte. Denn vor einigen Wochen kursierte die Meldung in den medizinischen Medien, dass gemäß mehrerer Meta-Analysen an mehr als 100.000 Patienten (ORIGIN, ASCEND, VITAL) mit Hypercholesterinämie kein Effekt von Fischöl und dessen Omega-3-Gehalt auf die klassischen Endpunkte einer herkömmlichen Studie – Tod, Schlaganfall oder Herzinfarkt – festzustellen waren. Das Fazit lautete: Fischöl bringt leider nichts.

Die neue Studie nun, die mit Eicosapentaensäure, einem hochgereinigten Bestandteil des Fischöls, durchgeführt wurde, zeigte an Patienten mit erhöhten Triglyceridwerten nun doch eine Wirkung, in der Form, dass diese Patienten signifikant in Bezug auf die genannten Endpunkte, profitierten, und zwar mit bis zu 25%.

Das mediale Interesse war groß, schien es doch zunächst, dass die Voranalysen mit ihrer Aussage „Fischöl sein unwirksam“ad acta gelegt werden konnten. Doch der Teufel liegt wie immer im Detail. Hier die Unterschiede:

  1. Nicht ein Fettsäurengemisch „Fischöl“, das auch als Nahrungsergänzung gilt, wurde verabreicht, wie in den Metanalysen dargelegt, sondern eine hochgereinigte Form der Eicosapentaensäure, namens AMR101 oder Vascepa.
  2. Die Metaanalysen bezogen sich auf den klassischen Risikofaktor Hypercholesterinämie, während REDUCE-IT nur Patienten mit einer Erhöhung der Triglyceride (TG) untersucht hat.
  3. Meta-Analysen und kontrollierte randomisierte Vergleichsstudien sind grundsätzlich andere wissenschaftliche Ansätze.

Man kann also folgern, dass erstens die beiden Studienansätze sowohl im Design (Meta-Analyse vs. RDC) als auch bezüglich der Zielgruppe (hohes Cholesterin vs. Trigylceride) keinesfalls vergleichbar sind (Birnen und Äpfel). Daher sind auch die Aussagen jeweils für sich durchaus relevant, aber keinesfalls kompatibel.

Die TG sind ein eigenständiger Risikofaktor und werden erhöht besonders bei Diabetikern gemessen. Sie sind Bestandteil der VLDL-Partikel („very low density lipoproteins“) und ihre Senkung war bisher unbefriedigend. Dies haben dann ja  auch die Metaanalysen bestätigt. Durch die REDUCE-IT-Studie nun kommt ein neues Behandlungsprinzip zum Tragen, das für eine allerdings begrenzte Patientengruppe eine beachtliche Wirkung nachweist.

Es bleibt also dabei: Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzung sind out. TG-Erhöhungen (etwa bei Dabetikern) können aber wahrscheinlich mit einer Spezialität (Eicosapentaensäure) wirkungsvoll behandelt werden. Bleibt nur die Frage, warum die Studie von einer Firma gesponsert wurde, die genau dieses Medikament herstellt?

Weißdorn oder die Kraft der zwei Herzen

In einer Übersichtsarbeit in einer amerikanischen Zeitschrift nehmen Wissenschaftler aus dem Herzzentrum in Bad Krozingen Stellung zum Einsatz der Phytopharmakons (pflanzliches Heilmittel) Crataegus, das aus dem Rosengewächse Weißdorn gewonnen wird, in der Herzmedizin. Eingesetzt wurde es als eine spezielle Zubereitung WS 1442.
Crataegus ist den Kardiologen, den Allgemeinärzten, in der Homöopathie seit Langem bekannt und wurde insbesondere von den Letzteren als „mildes“ Herzstärkungsmittel vor dem Einsatz (aber auch anstatt) stärkerer Medikamente verwendet.

Schon in der Antike berichtet Dioskurides im 1. Jahrh n. Chr. über dieses Mittel und es war auch in der traditionellen chinesischen Medizin sowie bei bestimmten Indianerstämmen bekannt. Die bekannten Wirkungen sollen in einer positiven Inotropie (Herzstärkung), einer antiarrhytmischen Wirkung (Vermeidung von Rhythmusstörungen, sowie einer steigernden Wirkung auf die Durchblutung des Herzens bestehen.
Man muss Crataegus als eines der wirksamen pflanzlichen Heilmittel betrachten, und die Arbeit, von der wir berichten, versucht dies durch wissenschaftliche Studien zu belegen. In einer Zeit, in der wir einen Umbruch in der Heilmittelanwendung beobachten in bezug auf personalisierte Therapie, genetisch definierte Ansätze und auch mit kritischer Bewertung der gerade bei Älteren oft anzutreffenden Vielfachbehandlung ist die Forderung nach einer wissenschaftlichen Begründung einer konsequenten Therapie mit Naturheilmitteln immer wieder eingehend begründet worden. Die hier referierte Arbeit kann als Beispiel dafür gelten.

Was sind nun die Ergebnisse? Um es vorwegzunehmen, sie sind nicht schlagend oder umwerfend. Sie bewegen sich in der Grauzone zwischen Trend und Signifikanz, aber allein das ist ja schon ein Ergebnis.
Man hat Patienten gewählt mit einer EF von >25% und einer NYHA-Klasse II bis III. Hier wurde Crataegus entweder als Monotherapie oder als add-on gegeben, wobei sich nachteilige Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nicht eingestellt haben. Das allein wäre ja schon ein Ergebnis.

Es zeigen sichTrends in der Herz-Ereignisrate (also etwa Herzinfarkt, Tod oder Herzschwäche), der Gesamtmortalität. Bei der Mortalität infolge plötzlichen Herztodes waren die Ergebnisse sogar signifikant! Ausserdem ergaben sich positive Ergebnisse bei der Trainingstoleranz, die ebenfalls signifikant waren.

So sind also diese Ergebnisse einer Nutzen-Risiko-Bewertung für Crataegus in dieser Zubereitung durchaus als positiv zu bewerten. Und große Bedeutung haben sie für die oben angesprochene Forderung nach einer wissenschaftlichen Begründung des Einsatzes pflanzlicher Mittel, sodaß hier ein Weg aufgezeigt ist, die Kluft zwischen Schul – und Naturmedizin ein wenig zu schließen.

Das heißt aber nicht, dass die homöopathische Scharlatanerie damit salonfähig geworden wäre. Das ist eine ganz andere Geschichte. Und Doppelherz – die Kraft der zwei Herzen: da muss man schon bedenken, dass die Wirkung aufs Gemüt hier nicht nur auf der Herzstärkung mit Crataegus, sondern auch und vor allem auf dem Gehalt von immerhin 17% Alkohol beruht. Das wiederum ist der falsche Weg.

Ernährung und das Herz II

  • Milchprodukte: Omega 3-Margarine statt Butter, Sojamilch zum Kaffee statt 3,5%-iger Vollmilch? Tatsache ist, dass selbst die Experten hier keine endgültige Antwort haben. „Es scheint keinen eindeutigen Konsensus in den publizierten Studien und unter Experten zu geben, inwieweit Milchprodukte das kardiovaskuläre Risiko beeinflussen“, lautet ihr Fazit.Es scheine zwar eine Assoziation zwischen der Zufuhr mancher Milchprodukte und erhöhten LDL-Spiegel, erhöhtem Frakturrisiko und der Gesamtmortalität zu geben, etwa für Butter und Käse. Aber inwieweit dieser Risikoanstieg eine Rolle spiele, sei unklar. Für sinnvoll halten es die Experten, den Konsum fettreicher Milchprodukten einzuschränken. Diese seien in den USA immerhin eine Hauptquelle für gesättigte Fettsäuren und Salz.
Auf Milchprodukte zu verzichten, ist ihrer Ansicht nach aber nicht förderlich: „Fettreduzierte Milchprodukte sind eine wichtige Quelle für essenzielle Vitamine, Mineralien sowie qualitativ hochwertige Proteine.“

  • Zucker: Beim Zucker ist die Datenlage eindeutig. Immer mehr Studien hätten einen kausalen Zusammenhang zwischen überhöhtem Zuckerkonsum und der Entstehung von koronaren Herzerkrankungen, Schlaganfällen und der KHK-bedingten Mortalität gezeigt, heißt es in dem Leitfaden. Ein erhöhter Zuckerkonsum fördere Atherosklerose, unabhängig von der Gewichtszunahme.Die Empfehlung der Experten ist daher ganz klar: Weniger Zucker. Konkret sollten Frauen nicht mehr als 100 Kalorien und Männer nicht mehr als 150 Kalorien täglich an zugefügten Zucker zu sich nehmen. Ärzte sollten ihren Patienten generell zu einer vollwertigen Ernährung mit wenigen Fertigprodukten raten und sie darauf sensibilisieren, Lebensmittel auszuwählen, die wenig Zucker enthalten. Ganz besonders kritisch sehen Freeman und Kollegen den Konsum von Softdrinks. Auf derart gesüßte Getränke sollte man möglichst verzichten.

  • Hülsenfrüchte: Überzeugend ist nach Ansicht der Experten der positive kardiovaskuläre Effekt von Hülsenfrüchten, also etwa Bohnen, Linsen, Kichererbsen. „Hülsenfrüchte sollten Bestandteil einer jeglichen Diät sein, die auf eine kardiometabolische Gesundheit abzielt.“ Sie sind reich an Ballaststoffen, Proteinen, Polyphenolen und Saponinen und ihre Aufnahme sei in randomisierten Studien mit einem geringeren KHK-Risiko, verbesserten Glukose- und LDL-C-Werten, einer Senkung des Blutdrucks und einem geringeren Körpergewicht einhergegangen.

Ernährung und das Herz I

In der Ärztezeitung v. 6.8.2018 wurde das heutige Wissen über positive Effekte einer ausgewogenen Ernährung auf das Herzkreislaufsystem zusammengefasst. Hier finden sich z.B. Angaben über Kaffee, Tee, Alkohol und Hülsenfrüchte, die sich in Maßen günstig auswirken sollen, aber auch über die Omega-3-Fettsäuren, bei denen nach einer Meta-Analyse der Cochrane-Gruppe neuerdings diese Wirkung sehr in Frage gestellt wird. 

Wichtig scheint mir aber auch der Hinweis, dass Zucker in jedem Falle bei der Nahrungsaufnahme reduziert sein muss  (150 cal pro Tag), was dem tatsächlichen Verzehr bei unseren Kindern und uns Erwachsenen allerdings nicht entspricht.

Dennoch ist diese Zusammenstellung lesenswert und gibt erneut Aufschluss darüber, dass eine ausgewogene und auf natürliche Bestandteile ausgerichtete Ernährung sich günstig auswirkt.

Neues vom Sport

Das Pedelec ist aus dem Szenario der Freizeit-Radler, zumal bei dem jetzigen schönen Wetter, praktisch nicht mehr wegzudenken. Man sieht sie beim Radeln auf den Freizeitstrecken immer und überall, die älteren Mitmenschen, die stolz auf ihren Elektrofahrrädern sitzen und schon durch ihre Haltiung verraten, dass sie ohne das Gerät wahrscheinlich nicht radfahren würden. Ein ganz großer Vorteil ist das, der aber in der Öffentlichkeit nicht immer richtig ankommt. Von Renntnern, von wilden Pensionären ist die Rede und davon, dass die Unfallstatistik mit diesen „Dingern“ deutlich zugenommen habe. Dass Letzteres daran liegt, das eben wesentlich mehr ältere Menschen auf das E-Rad steigen, und daher allein schon deshalb die Unfallhäufigkeit steigen muss, wird ausser Acht gelassen.

Wichtig ist auch der Vorwurf des bisher wissenschaftlich nicht erwiesenen sportlichen Nutzens, „Schonfahren“ ist das Motto. Daraus wird abgeleitet, dass ein Trainingseffekt nicht eintritt und der geforderte Herzkreislaufnutzen eines Ausdauertrainings, der für andere Ausdauer-Sportarten, hier Radfahren besonders, nachgewiesen ist, ebenfalls fehlt.

Eine neue Studie aus der Schweiz untersuchte nun das Verhalten von E-Bike (Pedelec)-Fahrern im Vergleich zu konventionellen Radlern, die das Fahrrad auf dem Wege zur Arbeit mit selbst gewählter Geschwindigkeit benutzten. Es stellt sich heraus, dass die Interventionsgruppe der 28 E-Biker im Vergleich zur Kontrollgruppe (15 Biker) einen Trainingseffekt aufweisen konnte. Die max. Sauerstoffaufnahme (peak VO2) gilt als Gold-Standard für den Nachweis eines Trainingsgeffekts. Dieser nahm in der E-Biker-Gruppe auf 3,6 ml/kg*min gegenüber nur 2.2 ml/kg*min in der Kontrollgruppe zu, als Effekt im Trend eindeutig, doch war er nicht signifikant.

Die Autoren schließen, dass das Pedelec wegen seiner bessern Terraineigenschaften (höhere Durchschnittsgeschwindigkeit und leichtere Steigungs-Überwindung) diese Effekte erklärt.

HI Herz.BIKE Saar
Unsere seit 11 Monaten laufende Studie bei Patienten mit einer Herzschwäche (HI-Herz.BIKE Saar)  stützt diese Ergebnisse auch, sodaß man vorbehaltlich weiterer Studien möglicherweise empfehlen kann, das Pedelec als nützliches Trainingsgerät bei älteren Probanden mit einer Herzkreislaufkrankheit einzusetzen. Die ärztliche Eignungsbeurteilung ist natürlich Voraussetzung!

Kardiologie-Geschichte. das „Dottern“

Geschichte der Kardiologie

50 Jahre „Dottern“: Medizintechnik aus Gitarrensaiten und Elektrokabeln

Vor 50 Jahren, am 14. Januar 1964, behandelte der US-amerikanische Radiologe Charles Dotter zum ersten Mal eine Gefäßverengung mit einem Katheter. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte – vom Ballonkatheter bis zu modernen Stents.

Der Begründer der interventionellen Radiologie war Charles Dotter, erinnert der Bundesverband Medizintechnologie in einer Mitteilung. Dotter wurde 1952 als damals 32-Jähriger zum Rektor der radiologischen Fakultät der Universität Oregon berufen.

Er baute ein eigenes Katheterlabor auf und entwickelte seine Instrumente in Heimarbeit – aus Teflonfolie, Gitarrensaiten, Tachometerwellen und Elektrokabeln lötete er die ersten Katheter selbst zusammen.

Als Dotter im Sommer 1963 einen Katheter in die Leistenarterie eines Patienten einführte, um ein Kontrastmittel einzuspritzen und so den Arterienverschluss im Röntgenbild sichtbar zu machen, beseitigte er beim Zurückziehen des Katheters unbeabsichtigt die Blockade. Auf dem Röntgenbild war deutlich zu sehen, dass das Blut wieder ungehindert fließen konnte.

Am 14. Januar 1964 kam die neue Technik erstmals gezielt zum Einsatz. Die 82-jährige Patientin Laura Shaw wurde mit Durchblutungsstörungen im linken Bein, die auf einen Verschluss der Beinschlagader zurückzuführen waren, in die Uniklinik Oregon eingeliefert.

Nachdem sie sich mehrfach weigerte, der empfohlenen Amputation zuzustimmen, wandte sich der behandelnde Arzt an Dotter. Dieser fand heraus, dass die Ursache für die Durchblutungsstörung eine verstopfte Oberschenkelarterie war.

Charles Dotter beseitigte diese Stenose mit einem von ihm entwickelten Katheter. Schon nach wenigen Minuten war der Fuß wieder durchblutet, eine Woche später konnte die Patientin mit zwei gesunden Beinen entlassen werden.

Erster Eingriff am Herzen vor 40 Jahren

Gut ein Jahrzehnt später verhalf der Deutsche Kardiologe Andreas Grüntzig der Kathetertechnologie endgültig zum Durchbruch. 1974 hatte Grüntzig erstmals ein verengtes Herzkranzgefäß mit einem selbst entwickelten Ballonkatheter geweitet. 1977 erfolgte die erste erfolgreich durchgeführte Ballondilatation der Koronararterie am Menschen.

Es konnte kein Wiederverschluss der Arterie (Restenose) festgestellt werden. Sein Bericht über die ersten fünf Eingriffe mit dieser Methode (Angioplastie oder „Perkutane transluminale Coronarangioplastie“, PTCA) erregte 1978 weltweit Aufsehen.

Im Jahr 1980 überschritt die Anzahl der durchgeführten Ballondilatationen bereits die Grenze von 1000 Operationen.

Dotters Vision, das Skalpell durch den Katheter zu ersetzen, rückte mit Grüntzigs Erfolgen in greifbare Nähe. Noch dazu an einer besonders sensiblen Stelle: dem Herzen.

Bis zu diesem Zeitpunkt gab es nur eine Behandlungsmöglichkeit für Patienten mit gefährlich verengten Herzkranzgefäßen: die Bypass-Operation am offenen Herzen. Durch den Ballonkatheter gab es nun erstmals eine Alternative zu diesem belastenden Eingriff mit all seinen Risiken.

Erste Stents wurden 1986 eingesetzt

Ein weiteres Jahrzehnt dauerte es, bis Dotters Idee, ein Gefäß durch einen Stent dauerhaft geöffnet zu halten, Wirklichkeit wurde. 1986 setzten Jaques Puel und Ulrich Sigwart die ersten koronaren Stents in eine menschliche Koronararterie ein. 1989 wurde erstmals ein „aufblasbarer“ Stent mit einem Ballonkatheter implantiert.

Durch die vom italienischen Kardiologen Antonio Colombo 1996 entwickelte Hochdruckimplantation und die dadurch erheblich reduzierten Komplikationen kommt es zum endgültigen Durchbruch der Stents.

Seit 2002 sind Medikament-freisetzende Stents (DES – Drug Eluting Stents) verfügbar. DES sind mit Wirkstoffen beschichtet, die gezielt das Zellwachstum hemmen, ohne dabei die Regeneration der Gefäßwand zu behindern. In den ersten Wochen nach dem Eingriff gibt der Stent die Wirkstoffe langsam an das umliegende Gewebe ab.

So werden die unkontrollierte Zellvermehrung und somit die Restenose des Gefäßes verhindert und der freie Fluss von Blut und Sauerstoff zum Herzen hin gesichert. Durch DES konnte die Wiederverengungsrate der geweiteten Gefäße von rund 30 Prozent auf unter 10 Prozent gesenkt werden.

Seit 2009 verbindet der Medikament-freisetzende Ballon (DEB – Drug Eluting Balloon) die bewährte PTCA mit der wirkungsvollen pharmazeutischen Komponente des Medikament-freisetzenden Stents (DES).

Eine weitere Alternative bieten seit 2012 so genannte resorbierbare Stents. Diese Gefäßgerüste stützen das Blutgefäß so lange, wie es medizinisch notwendig ist, und lösen sich danach langsam auf.

„Seit Mitte der 90er Jahre haben sich Katheter-Operationen immer mehr zur Standardtherapie bei koronarer Herzkrankheit und akuten Herzinfarkten entwickelt. Millionen Menschen verdanken den Erfindungen von Charles Dotter und seinen Nachfolgern ihr Leben“, so der BVMed. (eb)

Sport ist Mord?

In einer US-Studie der Mayo-Klinik 2014, sowie in einer Studie in der Zeitschrift Heart wurde gefunden, dass moderater Sport – gemessen in MET-Stunden/Tag – einen ausgeprägt positiven Effekt auf die Gesundheit nach Herzinfarkt hat (das wussten wir aber schon), dass aber eine sportliche Hyperaktivität genau den umgekehrten, d.h. einen schädlichen Effekt (höhere Sterberate) hat. Die Grenze liegt bei 7,2 MET-Stunden/Tag, das entspricht mehr als 1 h Joggen/Tag. Beide Studien mit ausreichend großen Zahlen belegen also, dass eine zu hohe sportliche Belastung einen negativen Effekt auf den Krankheitsverlauf bei Infarktpatienten hat. Radfahren entspricht etwa 6 MET bei 20 km/h, dagegen 8 MET bei 25 km/h.

Natürlich ist, wie so oft, das rechte Maß die Grundlage des gesunden Verhaltens. Die Dosis macht das Gift, und 2-4mal/Woche scheint besser zu sein als tägliche sportliche Aktivität, bei der die Auslösung von Vorhofflimmern häufiger beobachtet wird..
Es heißt aber auch, dass die Bewegungstherapie des Herzpatienten in den Herzgruppen sich in diesem Rahmen bewegt, denn die extrem niedrige Komplikationsrate während der Übungen weist auf diesen Umstand hin. Wie es sich allerdings mit Radfahren auf dem Pedelec verhält, ist noch offen. Dazu gibt es keine Studien, doch ist beabsichtigt, eine solche in das Projekt Herz.BIKE Saar einzubinden.

(Referenz: Medscape Deutschland)

 

Herzenssache: Beschichtete Stents boomen

„Die Zahl der Herzkranzgefäß-Eingriffe ist auf Rekordstand. Für 2013 wurden in Deutschland gut 335.000 Krankenhausfälle mit dieser Indikation verzeichnet, darunter etwa 53.000 Bypass-Operationen am offenen Herzen. Das geht aus dem Barmer GEK Report Krankenhaus 2014 hervor, den Vertreter der Kasse am Dienstag in Berlin vorgestellt haben.Die Zahl der stationären Patienten, deren verengte Herzkranzgefäße mit Stents und Ballondilatation oder mit Bypass behandelt wurden, sei damit zwischen 2005 und 2013 um vier Prozent gestiegen, berichtete die Leiterin der Untersuchung, Professorin Eva Maria Bitzer. Drei von vier Eingriffen entfielen auf Männer.Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Menschen, die wegen einer koronaren Herzkrankheit im Krankenhaus waren, um 24 Prozent auf 67 Betroffene je 10.000 gesetzlich Versicherte zurückgegangen.Den Widerspruch erklären die Autoren des Reports vor allem damit, dass mehr Menschen, die früher nicht behandelt worden wären, heute behandelt werden, und mit den Wiedereingriffsraten.

Der Einsatz beschichteter Stents hat  im Beobachtungszeitraum um 227 Prozent zugenommen. Das Versprechen einer geringeren Gefahr von Komplikationen und eines erneuten Eingriffs könnten auch die beschichteten Stents nicht halten, sagte Bitzer. Diese Raten in der Routineversorgung lägen bei allen Interventionen binnen fünf Jahren jenseits der 30-Prozent-Marke. Studien legten dagegen nahe, dass die Rate erneuter Eingriffe bei beschichteten Stents nur zwischen drei und vier Prozent liegen dürfe, sagte Bitzer. Ob beschichtete Stents tatsächlich der Goldstandard seien, stehe damit in Frage.“

via Herzenssache: Beschichtete Stents boomen.

Da wird nun doch ein Widerspruch sichtbar, denn einerseits sind die Wiedereingriffszahlen – egal mit welchem Stent – nach diesem Report doch wie immer bei über 30%, jedoch bei den beschichteten Stents „nur“ bei 4% (nach allerdings einem anderen, nicht zitierten Report). Was stimmt denn nun?

Arzt im Krankenhaus

Der Arzt von heute hat im Krankenhaus von heute einen kritischen Stand. Er ist mehr und mehr im Zustande der Entfremdung und ist sogar fremdbestimmt. Was ist damit gemeint? Zunächst meint man damit den Zustand vieler im Krankenhaus tätiger Ärzte, die sich aufmachten, kranke Menschen zu heilen oder mindestens ihren Zustand zu bessern, Verordnungen zu ihrem Nutzen an- und Schaden von ihnen abzuwenden. So steht es im Hippokratischen Eid, der seit 2500 Jahren gültige Handlungskodex des Arztes. In seiner Entwicklung vom Siechenhaus der Ordensschwestern des Mittelalters über das Hotel de Dieu der Wissenschaft in der Zeit der Aufklärung hin zum modernen Dienstleistungszentrum im Verbund meist großer Konzerne ist das Krankenhaus historisch immer dem Krankenwohl verpflichtet gewesen. Doch das hat sich in einer gravierenden Weise geändert. Es begann in den 70er Jahren, als sich drei Krankenhaustypen herauskristallisierten: die kommunalen, die frei-gemeinnützigen (kirchlichen) und die privat geführten Einrichtungen; letztere waren damals in der Minderzahl. Auch wurde damals der Trend zum Großkrankenhaus gesetzt (Typ AK Wien oder Uniklinik Aachen der TH), der auch der zunehmenden Spezialisierung, einem weiteren Trend der zeit, Rechnung trug. Kleinere Häuser wurden geschlossen oder es wurde wenigstens mit der Schließung seitens des Trägers gedroht. Um diesem Schicksal zu entgehen, entschlossen eich damals viele Krankenhäuser auch kleineren Zuschnitts zur Spezialisierung. Schrittmacher dieser Entwicklung war die Kardiologie. Diese hatte seit der Etablierung von Koronarografie durch SONES und JUDKNS in den 60ern, der Herzchirurgie – in der Form der Koronarchirurgie – und schließlich der Ballon-Dilatation den Weg freigemach für eine effektive und nachhaltige Behandlung der koronaren Herzerkrankung. Die Entwicklung war stürmisch; die zunächst dafür vorgesehenen Universitätskliniken wurden schon bald durch die nicht-universitären Zentren ergänzt, auch wegen der steigenden Nachfrage. Damit auch stiegen die Kosten dieser sog. Apparatemedizin dramatisch, die von den Krankenkassen geleistet werden mussten, eine Entwicklung, die bis heute bei weitem nicht abgeschlossen ist.