Archiv der Kategorie: Herzinfarkt

Das Blutdruckchaos

Da reden die Experten – oder solche, die sich dafür halten – seit Jahren über den so genannten optimalen Blutdruck und legen, was Wunder, Grenzwerte fest. Grenzwerte  sind heute in aller Munde, allerdings meist im Zusammenhang mit der blamablen Verhaltensweise unser Autoindustrie. Jetzt und hier geht es aber um den arteriellen Blutdruck, Risikofaktor Nummer eins für Schlaganfall und Herzinsuffizienz.

Die transatlantischen und europäischen Welten differieren. Erheblich. So empfiehlt ein Gremium in de USA, den syst. Blutdruck in jedem Fall auf unter 130/80 mm Hg zu senken. In Europa soll der Blutdruck unter 140/90 mm Hg gesenkt werden. In einer jetzt veröffentlichten Studie (2018 HYVET;Hypertension in the Very Elderly Double Blind Trial) kommt zum Ausdruck, dass eine solche Senkung (unter 130 mm Hg) auch bei Älteren (>75) zu einer Senkung des Sterberisikos um 33% führt. kardiovaskuläre Vorerkrankungen waren dabei allerdings ausgeschlossen und die Nachbeobachtungszeit belief sich auf 1,8 Jahre.

BIS Studie
In der Berliner Initiative Studie (BIS; Beginn 2009) bei Patienten mit Vorerkrankungen und über 70 Jahren kam nun jedoch heraus, dass das so nicht stimmen kann. Diese Patienten haten bei einer Senkung des Blutdrucks auf unter 140 mm Hg ein massiv erhöhtes Sterberisiko, nämlich von bis zu 61%

Diese sehr aussagekräftige 10Jahres-Studie läßt den Schluss zu, dass bei den Älteren der so genannte „Erfordernishochdruck“ denn doch eine Rolle spielt. Dieser ist uns Alten aus unseren Lehrbüchern der Inneren Medizin, also von vor 50 Jahren, wohl bekannt und auch die ärgerlichen Kommentare der Besserwisser ebenso, die uns zuriefen „veraltet“, „gefährlich“, „übertrieben“ und massiv zur intensiven medikamentösen Therapie, über die das letzet Wort ja auch noch nicht gesprochen ist, aufriefen.

Hinzu kommt, dass die USA-Grenzwerte zu nichts anderem führten, nämlich zu einer noch intensiveren Befriedigung der Ansprüche der leidenden Pharmaindustrie, ihren Umsatz zu erhöhen. Da ist es nun wieder wie bei der Autoindustrie.

Ich bin für die Berücksichtigung von BIS und würde eine Erniedrigung des Blutdrucks bei uns Älteren unter 140 mm Hg für nicht „erforderlich“ halten!

Fischöl oder nicht?

Es geht nochmals um die Omega-3-Fettsäuren, also das berühmte Fischöl.

REDUCE-IT heißt die Studie, die im New England Journal of Medicine 2018 publiziert wurde und derzeit für einiges Aufsehen sorgte. Denn vor einigen Wochen kursierte die Meldung in den medizinischen Medien, dass gemäß mehrerer Meta-Analysen an mehr als 100.000 Patienten (ORIGIN, ASCEND, VITAL) mit Hypercholesterinämie kein Effekt von Fischöl und dessen Omega-3-Gehalt auf die klassischen Endpunkte einer herkömmlichen Studie – Tod, Schlaganfall oder Herzinfarkt – festzustellen waren. Das Fazit lautete: Fischöl bringt leider nichts.

Die neue Studie nun, die mit Eicosapentaensäure, einem hochgereinigten Bestandteil des Fischöls, durchgeführt wurde, zeigte an Patienten mit erhöhten Triglyceridwerten nun doch eine Wirkung, in der Form, dass diese Patienten signifikant in Bezug auf die genannten Endpunkte, profitierten, und zwar mit bis zu 25%.

Das mediale Interesse war groß, schien es doch zunächst, dass die Voranalysen mit ihrer Aussage „Fischöl sein unwirksam“ad acta gelegt werden konnten. Doch der Teufel liegt wie immer im Detail. Hier die Unterschiede:

  1. Nicht ein Fettsäurengemisch „Fischöl“, das auch als Nahrungsergänzung gilt, wurde verabreicht, wie in den Metanalysen dargelegt, sondern eine hochgereinigte Form der Eicosapentaensäure, namens AMR101 oder Vascepa.
  2. Die Metaanalysen bezogen sich auf den klassischen Risikofaktor Hypercholesterinämie, während REDUCE-IT nur Patienten mit einer Erhöhung der Triglyceride (TG) untersucht hat.
  3. Meta-Analysen und kontrollierte randomisierte Vergleichsstudien sind grundsätzlich andere wissenschaftliche Ansätze.

Man kann also folgern, dass erstens die beiden Studienansätze sowohl im Design (Meta-Analyse vs. RDC) als auch bezüglich der Zielgruppe (hohes Cholesterin vs. Trigylceride) keinesfalls vergleichbar sind (Birnen und Äpfel). Daher sind auch die Aussagen jeweils für sich durchaus relevant, aber keinesfalls kompatibel.

Die TG sind ein eigenständiger Risikofaktor und werden erhöht besonders bei Diabetikern gemessen. Sie sind Bestandteil der VLDL-Partikel („very low density lipoproteins“) und ihre Senkung war bisher unbefriedigend. Dies haben dann ja  auch die Metaanalysen bestätigt. Durch die REDUCE-IT-Studie nun kommt ein neues Behandlungsprinzip zum Tragen, das für eine allerdings begrenzte Patientengruppe eine beachtliche Wirkung nachweist.

Es bleibt also dabei: Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzung sind out. TG-Erhöhungen (etwa bei Dabetikern) können aber wahrscheinlich mit einer Spezialität (Eicosapentaensäure) wirkungsvoll behandelt werden. Bleibt nur die Frage, warum die Studie von einer Firma gesponsert wurde, die genau dieses Medikament herstellt?