Archiv der Kategorie: Diagnose

Vorgehensweise, Abläufe, Porzesse

Ersthelfer-Skandal

Es ist wohl medizinisches Allgemeingut, dass eine Wiederbelebung um so wirkungsvoller ist, je schneller sie einsetzt, d.h. der Ersthelfer ist der Schlüssel zum Erfolg. Es wird heute von jedem Bürger gefordert, dass er die klassischen Massnahmen des so genanten Basic Life Support BLS, also  Herzdruckmassage und evtl. Atemspende (zunehmend optional) beherrscht. Leider ist das immer noch nicht in der ganzen Breite unserer Gesellschaft angekommen. Doch Menschen mit besonderer Verantwortung, Ärzte per se und auch im Sport Tätige, etwa Sportlehrer oder Sport-Übungsleiter, sollte das primär beherrschen und regelmäßige Trainings absolvieren.

Uns nun das.

Man liest es und reibt sich die Augen: während einer Schulstunde mit Heranwachsenden und unter der Aufsicht von Sportlehrern kippt einer der Schüler plötzlich um, ist bewusstlos und wird in stabile Seitenlage verbracht. Es wird ein Notruf abgesetzt. BLS: Fehlanzeige.
Der herbeigerufene Notarzt reanimiert, erzielt ROSC und im Krankenhaus wird der Reanimierte weiterbehandelt. Der Entlasszustand ist wenig erfreulich: Irreversibler Hirnschaden mit Wachkoma oder nahe dran, Komplettlähmung und später Pflegefall im Rollstuhl. Es wurde keine Erstversorgung mit BLS und (notwendig oder nicht) AED durchgeführt, obwohl hier Sportlehrer mit großer Verantwortung tätig waren. Diese sollen nun qua ordre de mufti zu Lehrgängen mit den Inhalten der Ersten Hille verpflichtet werden.

Ja ist es denn die Möglichkeit?

Heute wird von allen mündigen Bürgern, ja sogar von Heranwachsenden, gefordert, sich in Erster Hilfe und damit in der Technik der Wiederbelebung, fit zu halten. Und hier muss ein Sportlehrer, der in einem besonderen Verantwortungsbezug zu seinen Schülern steht, und der durch sachgerechte Behandlung  einen Hirnschaden hätte fast sicher verhindern können, zu Ausbildung in Reanimationtechnik erst verpflichtet werden. Wir kennen zwar nicht die endgültige Diagnose des Patienten, doch spricht eben alles dafür, dass sach- und zeitgerechte Behandlung zu einem besseren Ergebnis hätte führen können.

Es ist ein Skandal.

Das Blutdruckchaos

Da reden die Experten – oder solche, die sich dafür halten – seit Jahren über den so genannten optimalen Blutdruck und legen, was Wunder, Grenzwerte fest. Grenzwerte  sind heute in aller Munde, allerdings meist im Zusammenhang mit der blamablen Verhaltensweise unser Autoindustrie. Jetzt und hier geht es aber um den arteriellen Blutdruck, Risikofaktor Nummer eins für Schlaganfall und Herzinsuffizienz.

Die transatlantischen und europäischen Welten differieren. Erheblich. So empfiehlt ein Gremium in de USA, den syst. Blutdruck in jedem Fall auf unter 130/80 mm Hg zu senken. In Europa soll der Blutdruck unter 140/90 mm Hg gesenkt werden. In einer jetzt veröffentlichten Studie (2018 HYVET;Hypertension in the Very Elderly Double Blind Trial) kommt zum Ausdruck, dass eine solche Senkung (unter 130 mm Hg) auch bei Älteren (>75) zu einer Senkung des Sterberisikos um 33% führt. kardiovaskuläre Vorerkrankungen waren dabei allerdings ausgeschlossen und die Nachbeobachtungszeit belief sich auf 1,8 Jahre.

BIS Studie
In der Berliner Initiative Studie (BIS; Beginn 2009) bei Patienten mit Vorerkrankungen und über 70 Jahren kam nun jedoch heraus, dass das so nicht stimmen kann. Diese Patienten haten bei einer Senkung des Blutdrucks auf unter 140 mm Hg ein massiv erhöhtes Sterberisiko, nämlich von bis zu 61%

Diese sehr aussagekräftige 10Jahres-Studie läßt den Schluss zu, dass bei den Älteren der so genannte „Erfordernishochdruck“ denn doch eine Rolle spielt. Dieser ist uns Alten aus unseren Lehrbüchern der Inneren Medizin, also von vor 50 Jahren, wohl bekannt und auch die ärgerlichen Kommentare der Besserwisser ebenso, die uns zuriefen „veraltet“, „gefährlich“, „übertrieben“ und massiv zur intensiven medikamentösen Therapie, über die das letzet Wort ja auch noch nicht gesprochen ist, aufriefen.

Hinzu kommt, dass die USA-Grenzwerte zu nichts anderem führten, nämlich zu einer noch intensiveren Befriedigung der Ansprüche der leidenden Pharmaindustrie, ihren Umsatz zu erhöhen. Da ist es nun wieder wie bei der Autoindustrie.

Ich bin für die Berücksichtigung von BIS und würde eine Erniedrigung des Blutdrucks bei uns Älteren unter 140 mm Hg für nicht „erforderlich“ halten!

Medizinische Apps für Laien

Es gibt nach Erhebungen des Gesundheitsministeriums ca. 100.000 so genannte Apps, für Patienten, deren Sinn, Unsinn und Nutzen für die Gesundheit bisher nicht beurteilt werden konnten. Urheber der Apps sind Privatpersonen, Krankenkassen, Pharmafirmen und Organisationen wie etwa die Deutsche Herzstiftung. Es sind in der Regel Kontrollprogramme. Oft befassen sie sich mit der persönlichen Fitness und kontrollieren die jeweiligen Trainingsprogramme auf Effizienz.

Die eigentlichen medizinischen Apps aber sollen dem Patienten in seiner täglichen „Gesundheitskontrolle“ dienlich sein, also z.B. bei

  • Medikamenteneinnahme
  • Symptomkontrolle
  • Notfallregime

Sie alle setzen voraus, dass der Patient sowohl mit der Computertechnik als auch mit der Technologie seines Smartphones vertraut ist, was angesichts der fraglichen Altersgruppe nicht immer gegeben ist. Das ändert sich wahrscheinlich mit der Zeit, denn die „nachrückenden“ Generationen sind immer besser mit dieser individuellen Digitalisierung vertraut. Sie sind aber auch anfälliger für die Fallstricke der Digitalisierung, also der kritiklosen Übernahme der Daten, der Übermittlung der persönlichen Daten an Dritte, etc. Letzteres sollte zwar durch die neue europäische DSGVO minimiert sein, aber durch oft erzwungene Autorisierung in der Bedienung der App wird das unterlaufen.

Beispiele:

Telemedizin und Herzschwäche

In einer Veröffentlichung im Lancet (Efficacy of telemedical interventional management in patients with heart failure TIM-HF2: a randomised, controlled, parallel-group, unmasked trial;Lancet online 25.8.2018; https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)31880-4) wurde an mehr als 1500 Patienten mit einer Herzschwäche NYHA II-III; EF <45%) nachzuweisen versucht, dass eine telemedizinische Überwachung (O2-Sättigung, EKG, Gewicht, Medikation, Fragebogen) signifikant weniger Krankenhauseinweisungen und Sterblichkeit zeigte als in der „normal“ behandelten Kontrollgruppe.

Es wurde als Ergebnis dieser RCT-Studie konstatiert, dass nunmehr die Telemedizin für ausgesuchte und spezielle Patienten allgemein eingeführt werden sollte. Das Bundesforschungsministerium hatte diese Studie mit 10 Mio € gefördert.

So einfach ist die Sache aber doch nicht. Es wurden in der Studie Patienten eingeschlossen, die sich mit einer Vielzahl von Equipment konfrontiert sahen, die von einem Team extra geschult werden mussten – von Dropouts wird nichts berichtet. 
Zum Zweiten ist zu bedenken, dass die Studie einen immensen personellen Aufwand betrieb: es waren nur für die Studie 1 Oberärztin, 3 Fachärzte, ein 4. aus dem Kliniksdienst verfügbar, 5 Pflegekräfte arbeiteten im Zentrum, 17 (!) vor Ort mit den Patienten. Dieser Aufwand muss im Alltagsbetrieb (Pflegenotstand!) erstmal dargestellt werden.
Drittens gab es eine Kontrollgruppe, aber diese ist nirgend definiert. Gab es da auch tägliche Visiten, oder waren die Arztkontakte erheblich reduziert? Wurde sie „sich selbst“ überlassen, wie im „real life“? Gab es nur pflegerische Kontakte, wenn ja, wie waren diese strukturiert?

Das alles hat ja einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Ergebnisse und die Signifikanz der Resultate. Daher sollte man noch sehr vorsichtig mit der Aussage sein, diese Studie belege bereits deutlich den Wert der Telemedizin, die kurz vor der Einführung stünde. Dazu sind sicher noch weitere Untersuchungen notwendig, obwohl man den grundsätzlichen Wert und die Bedeutung durchaus akzeptieren sollte.

Hören oder Schauen??

diesen Artikel fand ich heute in der Ärztezeitung, zitiert aus Heart-BMJ (http://heart.bmj.com/content/early/2018/05/24/heartjnl-2018-313082). Er will nachweisen, dass der Gebrauch des Stethoskops bei der Herzauskultation Klappenfehler nur unzureichend aufdecken kann. Er sagt aus, dass diese Methode eine Sensitivität (Ausschluss) von nur 40%, eine Spezifität (pos. Diagnose) von etwas mehr als 65% hat. Daher sollte man der Auskultation keine wesentliche Bedeutung mehr beimessen…

Was sagt uns das? Ich bin über diese „Studie“ empört.

Wir sind ja alle mit dem Gebrauch des Stethoskops als primärdiagnostisches Instrument und akustische Methode groß geworden. Wir erinnern uns als Alumni der MHH an Harmjanz, Klaus Gahl, Walpurger, auch an Fritze Hartmann, die alle dem kenntnisreichen Auskultieren die notwendige, und wie ich meine unverzichtbare Bedeutung beigemessen haben. Die Kenntnis gewinnt man aber nur durch ausgiebige Erfahrung, und durch häufige Benutzung dieses Instruments!!

Sie alle waren aber auch Vertreter der vor-echokardiografischen Ära. Die heutigen Ärzte, die das „Dings um den Hals tragen“, als Statussymbol, aber oft wie kurz vor der Strangulation, wissen damit ausser zur Blutdruckmessung meist nicht umzugehen. Sie sind aber auch unfähig zu schauen, was die akustische Methode Echo alles so auf dem Bildschirm bietet. Ich habe erlebt, wie ein Kollege das deutliches Echo-Strömungssignal über der Aortenklappe nicht erkennen, geschweige denn messen konnte.

Diese Studie aber, die sich aus Daten von „erfahrenen “ Kollegen sowohl mit dem Stethoskop als auch mit der Echomaschine speist, läßt die Frage offen, ob diese „erfahrenen“ Kollegen wirklich einen MÖT und ein „leises Diastolikum“ über dem Aortenareal sicher „hören“ konnten. Und ob sie Länge und Intensität eines Aortenstenosegeräusches mit dem Schweregrad der Stenose korrelieren konnten. Eine ältere Studie konnte  ja m.W.n. zeigen, dass man „prä-apparativ“ sehr wohl in der Lage ist, auskultatorisch den Schweregrad eines Klappenfehlers, zumal einer AS, zu diagnostizieren, um den Pat. dann der gezielten, und natürlich echokardiografischen Diagnostik zuzuführen. Der einzige Nachteil ist, dass man im hohen Alter die hohen Frequenzen nicht mehr sicher hört. Aber die jungen Ärzte???

Fazit: ich halte diese Studie für grenzwertig und geeignet, dem apparativen und übrigens auch teuren Mainstream der Medizin Vorschub zu leisten.

 Leisten wir Widerstand, denn das Laennecsche Hörrohr am Ohr des Kundigen ist immer noch wichtiger als das Schaubild nach Edler und Hertz.

Der Doc vom Bildschirm

Der Ärztetag 2018 hat gesprochen: Das Fernbehandlungsverbot wird aufgehoben. Der neue Gesundheitsminister begrüßt das natürlich.

Erfurt – Die Ausweitung der Fernbehandlung ist beschlossene Sache. Die Reaktionen auf den Beschluss des 121. Deutschen Ärztetags fallen bei Politik, Ärzten und Krankenkassen weitgehend positiv aus. Mit Onlinesprechstunden würden Patienten unnötige Wege und Wartezeiten erspart, begrüßte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) die Entscheidung zur Liberalisierung des Fernbehandlungsverbots. Damit helfen wir Ärzten und Patienten, sagte er.

Spahn kündigte an, einen Runden Tisch mit Vertretern der Ärzteorganisationen und ihrer Selbstverwaltung sowie des Deutschen Pflegerates einzuberufen. Dieser Expertenkreis soll die praktische Umsetzung des Beschlusses beraten. „Die neuen Möglichkeiten telemedizinischer Behandlung wollen wir jetzt auch für den Versorgungsalltag der Menschen erreichbar machen.“ Spahn hatte zum Auftakt des Ärztetages in Erfurt für eine Lockerung des Fernbehandlungsverbots geworben. (aerzteblatt.de; 10.05.2018)

Nun wird das allerdings auch präzisiert und dabei – ein bisschen – relativiert:

(aerztezeitung, 11.5.2018) Die neue Regelung in der Musterberufsordnung der Ärzte (MBO-Ä) sieht künftig in Paragraf 7 Abs. 4 vor, dass Ärzte „im Einzelfall“ auch bei ihnen noch unbekannten Patienten eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien vornehmen dürfen. Sofern dies „ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt“ gewahrt ist.

„Entscheidend ist hier die Verantwortung des Arztes und, dass es richtig dokumentiert wird“, sagte Montgomery. Die Sorgen und Ängste der Ärzte, die sich in der Debatte am Mittwoch zeigten, nimmt die BÄK dabei sehr wohl ernst.

„Sie zeigen, wie wichtig uns allen die Arzt-Patienten-Beziehung ist“, so Dr. Josef Mischo, Vorsitzender der Berufsordnungsgremien der BÄK. Aber gerade deshalb sollten Ärzte die Digitalisierung und Fernbehandlung aktiv mitgestalten.

Der Zusatz: „soweit dies ärztlich vertretbar sei und die erforderliche ärztliche Sorgfalt gewahrt sei…“ ist dabei der Schlüsselsatz. Denn er bedeutet, wenn er ernst genommen wird, eine praktische Aufhebung des Beschlusses. Denn ein Erstkontakt als reiner Bildkontakt ohne reales Gegenüber ist in hohem Maße unärztlich, wie ich das schon oft betonte. Er ist eigentlich nie ärztlich vertretbar und läßt eigentlich immer die ärztliche Sorgfalt ausser acht.

So kann man gegenüber diesem Beschluss und seiner Umsetzung eigentlich wie heute üblich gelassen bleiben und abwarten, wie die Praxis sich darstellen wird. Doch die jungen Ärzte in ihrer Sucht, ihre Work-Life-Balance zu realisieren, werden das wohl anders sehen. Tablet und Apple sei dank.

Ich bin aber nicht grundsätzlich gegen die Einbindung der digitalen medizinischen Möglichkeiten. Das habe ich auch an andere Stelle schon mehrfach dargestellt; sie müssen nur abgewogen und verhältnismäßig eingesetzt werden. Und der Patient muss Herr aller seiner Daten bleiben.

Behandlung aus der Ferne

Immer wieder geistern durch die Medien (Ärztebatt) Meldungen, nach denen das „Fernbehandlungsverbot“ gelockert, ja aufgehoben werden soll.

Um es vorwegzunehmen, ich als älterer Arzt bin strikt gegen solche technischen Spielereien.

Was hat es damit nun auf sich?

Es bedeutet nichts anderes, als dass der Patient sich über ein so genanntes optischen Endgerät (PC, Tablet, Smartphone) mit seinem Hausarzt verbindet und nun seine Beschwerden schildert. Der Arzt kann dann durch Augenschein und Abfrage bei diesem Erstkontakt nicht nur feststellen, was der Patient hat – er stellt also eine Ferndiagnose – sondern er kann auch behandeln.

Verrückter geht es wohl nicht. Aber er Reihe nach: Niemand bezweifelt, dass es in manchen Regionen mit dem Arzt und seiner Sprechstunde (Beispiel ländliche Region) Schwierigkeiten geben kann. Das ist auch bekannt. Die digitalen Möglichkeiten, also Telemetrie von Daten etwa von Schrittmachern, die Begutachtung von Hauterkrankungen, von Wunden, sind da möglicherweise hilfreich. Das ist zwar auch noch nicht unbedingt bewiesen, aber immerhin, man kann es sich vorstellen. Das ist dann aber kein Erstkontakt, sondern folgt der absolut notwendigen Vorstellung des Patienten als ganzer Mensch (!) in der Praxissprechstunde. Da beißt die berühmte Maus keinen Faden ab.

Nun der Erstkontakt: Mit der Ausnahme von Bewegungsabläufen (nur bedingt), Hauterkrankungen oder den bereits bekannten Wunden kann eine ferndiagnostische Kontaktaufnahme weder den persönlichen Eindruck, die haptische, optische und akustische Beurteilung (und Gesamt-Einschätzung) niemals ersetzen. Es geht eben immer um den Ganzheitsanspruch der Beurteilung, und das ist über ein elektronisches System niemals möglich (noch nicht?). Gehen, Stehen und sich Verhalten sind neben der unverzichtbaren körperlichen Untersuchung (die es heute auch nicht mehr in allen Fällen gibt…) notwendige Bestandteile einer Diagnose, und damit auch einer Behandlung.

Wie schieb ich in der Startseite meiner „Zweitmeinung„? Einen Arztbesuch und das persönliche Gespräch mit dem behandelnden Arzt ersetzen diese Seiten nicht. Ein persönliches Arztgespräch ist unverzichtbar! 

Dabei sollte es bleiben.

Die Sache mit der Homöopathie (II)

Es war der Naturheiler Samuel Hahnemann (1755-1843), der als der Vater der Homöopathie gilt („Similia similbus curentur“ – „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“; Prinzip der Wirkung durch extreme Wirkstoffverminderung) und der als Autor und streitbarer Arzt seine Sache mit Kraft und Durchsetzung vermarktet hat. Heute ist die Homöopathie eine immer mehr vom Patienten nachgefragte medizinische Variante, die zwar nicht evidenzbasiert, aber zusammen mit Naturheilkunde und chinesischer traditioneller Medizin das Angebot an sog. alternativer Medizin komplettiert.

Es steht außer Zweifel, dass die Homöopathie keine wissenschaftlich begründete Medizin darstellt, sondern sich anderer (esoterischer) Behandlungsinhalte bedient. Wir müssen sie als fakten- und wissenschaftlich orientierte Ärzte ablehnen. Doch dass bestimmte Anwendungsformen etwa der Globuli, deren Wirkstoffkonzentration gegen Null geht, doch „irgendwie“ heilsame Wirkungen entfalten können, wird berichtet, aber nicht begründet. Sie entbehren jeder wissenschaftlichen Absicherung. Dieser mögliche Widerspruch läßt sich nur durch den Begriff des Placebo-Effekts angenähert auflösen.

Was ist ein Placebo-Effekt (neuerdings durch den Begriff Nocebo ergänzt)? Es ist sich wörtlich übersetzt „es wird gefallen“.  Der Effekt „gefällt“ als in eine Wirkung auch dann, wenn diese eigentlich vom Evidenzstandpunkt her unmöglich ist, wenn im Heilmittel kein Wirkstoff enthalten ist. Wir das haben früher auch „weiße-Salbe-Effekt“ genannt, also ein Effekt, der eintritt, obwohl er eigentlich nicht eintreten sollte – Besserung oder gar Heilung. Ein anderer Satz in diese Richtung lautet: „Wer heilt, hat recht.“ Der Satz gibt also auch den Ärzten der Homöopathie „recht“, wenn sich ein Heilerfolg einstellt. Und manchmal stellt er sich ja auch ein; der Mensch muss nur daran glauben.

Diese „positive“ Erwartungshaltung des Patienten ist für den Placeboeffekt besonders wichtig und erklärt, warum in der letzten Zeit die Nachfrage für esoterische Heilmethoden gestiegen ist. Das berührt das weite Feld der psychischen Auseinandersetzung des Menschen als Patient mit der Schulmedizin, die als abweisend, kalt und unverständlich, dabei auch schädlich, empfunden wird. Der feste Glaube an die „andere“, „sanftere“ Medizin stellt also die Basis für die Placeboeffekte dar und begründet, warum die Homöopathie einen so festen Platz im therapeutischen Gefüge einnimmt. Sie füllt eine Leerstelle als ein Platzhalter aus, die die Schulmedizin (noch) nicht bedienen kann. Es ist aber anzunehmen, dass sich da was ändert: Sprechmedizin, Zeitvorgabe pro Patient, Verständnistherapie u.v.m. werden derzeit in der Fachwelt und der Politik diskutiert (s. Koalitionsvertrag 2018).

Sollte sich also eine Änderung in der Zukunft einstellen, dann wäre der Homöopathie, mit ihren verschwimmenden Grenzen zur unseriösen Scharlatanerie der Boden unter den Füssen weggezogen Das wäre zu wünschen. Aber solange…

Der Puls – ein wichtiges Lebenszeichen

Gleich zwei Mitteilungen in der Fachpresse referieren über das Thema Pulsmessung – eine deckt auf, dass das Tasten des Pulses eine große Bedeutung für die Diagnose des Vorhofflimmerns hat, eine zweite zeigt auf, dass die Pulsfrequenz (Pulsschläge/min) für Patienten nach Herzinfarkt ebenfalls sorgfältig beachtet werden muss. Hier kommt wieder der Sport ins Spiel.

Nun ist das Pulstasten und -messen eine der ältesten Diagnosemethoden der Medizin. Sie ist sowohl für die alten Ägypter wie auch in der traditionellen chinesischen Medizin ein sehr auffälliges Merkmal und Krankheitszeichen gewesen. Die „Stärke“, „Höhe“ und „Schnelligkeit“ des Pulses waren immer schon Hinweise auf die zugrundeliegende Krankheit. Auch heute noch kann der erfahrene Arzt, den es allerdings immer seltener gibt, aus der Pulswelle Rückschlüsse auf die Herzkrankheit ziehen. So ist der besonders kräftige, gut gefüllte und sich rasch aufbauende Puls z.B. ein Zeichen für eine Herzklappenerkrankung (Aorteninsuffizienz).

Für die angesprochenen Erkrankungen kann der Puls – und das ist ja keineswegs neu – als Hinweis auf Krankheit und Krankheitsverlauf gesehen werden.

Ein zeitweise auftretender unregelmäßiger Puls ist mit hoher Wahrscheinlichkeit bei Personen, die älter als 60 Jahre sind, durch ein Vorhofflimmern verursacht. Da dieses unter Umständen bei der EKG-Untersuchung nicht auffällt, und sogar im 24h-EKG nicht entdeckt wird, ist diese einfache, von jedem Laien ausführbare Messung von großen Vorteil. Sollte also ein unregelmäßiger Puls auffallen, ist eine ärztliche Untersuchung angezeigt.

Nach durchgemachten Herzinfarkt findet die Pulsfrequenz Beachtung: eine Pulsfolge, die weniger als 75/min beträgt, hat eine 50% niedrigere Gefahr, innerhalb eines Jahres einen neuen, vielleicht tödlichen Infarkt zu erleiden, als Patienten mit einer Herzrate von >75/min. Je langsamer der Puls, desto besser die Überlebenschancen. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass man einen langsamen Puls nicht nur durch Medikamente
(Ivabradin, Betablocker), sondern auch durch regelmäßiges Ausdauertraining erreichen kann!

Wie tastet man den Puls? Man tastet entweder den Radialispuls (daumenseitiger Unterarmpuls) oder den Carotispuls (Halsschlagader).

Bei standardisierten Trainingsabläufen jedoch sollte man sich sog. Pulsuhren bedienen (mit und ohne Smartphone-App), die es gestatten, die EKG-genauen Pulsraten aufzunehmen.

Wiederbelebung ohne Diagnose?

Die Diagnose eines Kreislaufstillstandes ist zu stellen, wenn das bewußtlose Opfer pulslos (Halsschlagader, optional) ist und keine Spontanatmung zu erkennen ist (Schnappatmung ist keine Spontanatmung!). Eine Pulsprüfung, die schwierig sein kann, ist nicht zwingend.  Die Atemprüfung sollte jedem Wiederbelebungsvorgang vorausgehen.

Prüfen – Rufen – Drücken


Nun gibt es andere Informationen: Notfallzeugen müssen nach dem Notruf sofort die Herzdruckmassage durchführen, schreibt die Herzstiftung, die Ärztezeitung referiert das kommentarlos, und das wird auch in einem Film der Herzstiftung so gesehen.

Dumm nur, dass man wieder verunsichert wird.

Man rückt hier von dem bewährten Schema „PRD – prüfen – rufen – drücken“ ab, und scheint die Diagnosemaßnahmen des Überprüfens von Atmung und Puls als erste Maßnahme aufzugeben. Sicher, der Hinweis für den Laien-Ersthelfer, man könne grundsätzlich bei einer Wiederbelebung nichts falsch machen, also auch dann, wenn man keine sichere Diagnose gestellt hat, ist hilfreich. Aber man stelle sich vor, das ganze Repertoire der Reanimation würde z.B. bei einer bewußlosen jungen Frau mit Kreislaufkollaps oder bei einem bewußtlosen Schlaganfallpatienten ablaufen – auch keine angenehme Vorstellung.

Ich meine also, man muss an der PRD-Empfehlung, die die Nachfolgeempfehlung des ABC darstellt, unbedingt festhalten. Erst prüfen, ob ein Kreislaufstillstand vorliegt, dann den Notruf absetzen und erst dann mit HDM beginnen!