Archiv der Kategorie: Behandlung

Therapie

Ersthelfer-Skandal

Es ist wohl medizinisches Allgemeingut, dass eine Wiederbelebung um so wirkungsvoller ist, je schneller sie einsetzt, d.h. der Ersthelfer ist der Schlüssel zum Erfolg. Es wird heute von jedem Bürger gefordert, dass er die klassischen Massnahmen des so genanten Basic Life Support BLS, also  Herzdruckmassage und evtl. Atemspende (zunehmend optional) beherrscht. Leider ist das immer noch nicht in der ganzen Breite unserer Gesellschaft angekommen. Doch Menschen mit besonderer Verantwortung, Ärzte per se und auch im Sport Tätige, etwa Sportlehrer oder Sport-Übungsleiter, sollte das primär beherrschen und regelmäßige Trainings absolvieren.

Uns nun das.

Man liest es und reibt sich die Augen: während einer Schulstunde mit Heranwachsenden und unter der Aufsicht von Sportlehrern kippt einer der Schüler plötzlich um, ist bewusstlos und wird in stabile Seitenlage verbracht. Es wird ein Notruf abgesetzt. BLS: Fehlanzeige.
Der herbeigerufene Notarzt reanimiert, erzielt ROSC und im Krankenhaus wird der Reanimierte weiterbehandelt. Der Entlasszustand ist wenig erfreulich: Irreversibler Hirnschaden mit Wachkoma oder nahe dran, Komplettlähmung und später Pflegefall im Rollstuhl. Es wurde keine Erstversorgung mit BLS und (notwendig oder nicht) AED durchgeführt, obwohl hier Sportlehrer mit großer Verantwortung tätig waren. Diese sollen nun qua ordre de mufti zu Lehrgängen mit den Inhalten der Ersten Hille verpflichtet werden.

Ja ist es denn die Möglichkeit?

Heute wird von allen mündigen Bürgern, ja sogar von Heranwachsenden, gefordert, sich in Erster Hilfe und damit in der Technik der Wiederbelebung, fit zu halten. Und hier muss ein Sportlehrer, der in einem besonderen Verantwortungsbezug zu seinen Schülern steht, und der durch sachgerechte Behandlung  einen Hirnschaden hätte fast sicher verhindern können, zu Ausbildung in Reanimationtechnik erst verpflichtet werden. Wir kennen zwar nicht die endgültige Diagnose des Patienten, doch spricht eben alles dafür, dass sach- und zeitgerechte Behandlung zu einem besseren Ergebnis hätte führen können.

Es ist ein Skandal.

Das Blutdruckchaos

Da reden die Experten – oder solche, die sich dafür halten – seit Jahren über den so genannten optimalen Blutdruck und legen, was Wunder, Grenzwerte fest. Grenzwerte  sind heute in aller Munde, allerdings meist im Zusammenhang mit der blamablen Verhaltensweise unser Autoindustrie. Jetzt und hier geht es aber um den arteriellen Blutdruck, Risikofaktor Nummer eins für Schlaganfall und Herzinsuffizienz.

Die transatlantischen und europäischen Welten differieren. Erheblich. So empfiehlt ein Gremium in de USA, den syst. Blutdruck in jedem Fall auf unter 130/80 mm Hg zu senken. In Europa soll der Blutdruck unter 140/90 mm Hg gesenkt werden. In einer jetzt veröffentlichten Studie (2018 HYVET;Hypertension in the Very Elderly Double Blind Trial) kommt zum Ausdruck, dass eine solche Senkung (unter 130 mm Hg) auch bei Älteren (>75) zu einer Senkung des Sterberisikos um 33% führt. kardiovaskuläre Vorerkrankungen waren dabei allerdings ausgeschlossen und die Nachbeobachtungszeit belief sich auf 1,8 Jahre.

BIS Studie
In der Berliner Initiative Studie (BIS; Beginn 2009) bei Patienten mit Vorerkrankungen und über 70 Jahren kam nun jedoch heraus, dass das so nicht stimmen kann. Diese Patienten haten bei einer Senkung des Blutdrucks auf unter 140 mm Hg ein massiv erhöhtes Sterberisiko, nämlich von bis zu 61%

Diese sehr aussagekräftige 10Jahres-Studie läßt den Schluss zu, dass bei den Älteren der so genannte „Erfordernishochdruck“ denn doch eine Rolle spielt. Dieser ist uns Alten aus unseren Lehrbüchern der Inneren Medizin, also von vor 50 Jahren, wohl bekannt und auch die ärgerlichen Kommentare der Besserwisser ebenso, die uns zuriefen „veraltet“, „gefährlich“, „übertrieben“ und massiv zur intensiven medikamentösen Therapie, über die das letzet Wort ja auch noch nicht gesprochen ist, aufriefen.

Hinzu kommt, dass die USA-Grenzwerte zu nichts anderem führten, nämlich zu einer noch intensiveren Befriedigung der Ansprüche der leidenden Pharmaindustrie, ihren Umsatz zu erhöhen. Da ist es nun wieder wie bei der Autoindustrie.

Ich bin für die Berücksichtigung von BIS und würde eine Erniedrigung des Blutdrucks bei uns Älteren unter 140 mm Hg für nicht „erforderlich“ halten!

Medizinische Apps für Laien

Es gibt nach Erhebungen des Gesundheitsministeriums ca. 100.000 so genannte Apps, für Patienten, deren Sinn, Unsinn und Nutzen für die Gesundheit bisher nicht beurteilt werden konnten. Urheber der Apps sind Privatpersonen, Krankenkassen, Pharmafirmen und Organisationen wie etwa die Deutsche Herzstiftung. Es sind in der Regel Kontrollprogramme. Oft befassen sie sich mit der persönlichen Fitness und kontrollieren die jeweiligen Trainingsprogramme auf Effizienz.

Die eigentlichen medizinischen Apps aber sollen dem Patienten in seiner täglichen „Gesundheitskontrolle“ dienlich sein, also z.B. bei

  • Medikamenteneinnahme
  • Symptomkontrolle
  • Notfallregime

Sie alle setzen voraus, dass der Patient sowohl mit der Computertechnik als auch mit der Technologie seines Smartphones vertraut ist, was angesichts der fraglichen Altersgruppe nicht immer gegeben ist. Das ändert sich wahrscheinlich mit der Zeit, denn die „nachrückenden“ Generationen sind immer besser mit dieser individuellen Digitalisierung vertraut. Sie sind aber auch anfälliger für die Fallstricke der Digitalisierung, also der kritiklosen Übernahme der Daten, der Übermittlung der persönlichen Daten an Dritte, etc. Letzteres sollte zwar durch die neue europäische DSGVO minimiert sein, aber durch oft erzwungene Autorisierung in der Bedienung der App wird das unterlaufen.

Beispiele:

Fischöl oder nicht?

Es geht nochmals um die Omega-3-Fettsäuren, also das berühmte Fischöl.

REDUCE-IT heißt die Studie, die im New England Journal of Medicine 2018 publiziert wurde und derzeit für einiges Aufsehen sorgte. Denn vor einigen Wochen kursierte die Meldung in den medizinischen Medien, dass gemäß mehrerer Meta-Analysen an mehr als 100.000 Patienten (ORIGIN, ASCEND, VITAL) mit Hypercholesterinämie kein Effekt von Fischöl und dessen Omega-3-Gehalt auf die klassischen Endpunkte einer herkömmlichen Studie – Tod, Schlaganfall oder Herzinfarkt – festzustellen waren. Das Fazit lautete: Fischöl bringt leider nichts.

Die neue Studie nun, die mit Eicosapentaensäure, einem hochgereinigten Bestandteil des Fischöls, durchgeführt wurde, zeigte an Patienten mit erhöhten Triglyceridwerten nun doch eine Wirkung, in der Form, dass diese Patienten signifikant in Bezug auf die genannten Endpunkte, profitierten, und zwar mit bis zu 25%.

Das mediale Interesse war groß, schien es doch zunächst, dass die Voranalysen mit ihrer Aussage „Fischöl sein unwirksam“ad acta gelegt werden konnten. Doch der Teufel liegt wie immer im Detail. Hier die Unterschiede:

  1. Nicht ein Fettsäurengemisch „Fischöl“, das auch als Nahrungsergänzung gilt, wurde verabreicht, wie in den Metanalysen dargelegt, sondern eine hochgereinigte Form der Eicosapentaensäure, namens AMR101 oder Vascepa.
  2. Die Metaanalysen bezogen sich auf den klassischen Risikofaktor Hypercholesterinämie, während REDUCE-IT nur Patienten mit einer Erhöhung der Triglyceride (TG) untersucht hat.
  3. Meta-Analysen und kontrollierte randomisierte Vergleichsstudien sind grundsätzlich andere wissenschaftliche Ansätze.

Man kann also folgern, dass erstens die beiden Studienansätze sowohl im Design (Meta-Analyse vs. RDC) als auch bezüglich der Zielgruppe (hohes Cholesterin vs. Trigylceride) keinesfalls vergleichbar sind (Birnen und Äpfel). Daher sind auch die Aussagen jeweils für sich durchaus relevant, aber keinesfalls kompatibel.

Die TG sind ein eigenständiger Risikofaktor und werden erhöht besonders bei Diabetikern gemessen. Sie sind Bestandteil der VLDL-Partikel („very low density lipoproteins“) und ihre Senkung war bisher unbefriedigend. Dies haben dann ja  auch die Metaanalysen bestätigt. Durch die REDUCE-IT-Studie nun kommt ein neues Behandlungsprinzip zum Tragen, das für eine allerdings begrenzte Patientengruppe eine beachtliche Wirkung nachweist.

Es bleibt also dabei: Omega-3-Fettsäuren als Nahrungsergänzung sind out. TG-Erhöhungen (etwa bei Dabetikern) können aber wahrscheinlich mit einer Spezialität (Eicosapentaensäure) wirkungsvoll behandelt werden. Bleibt nur die Frage, warum die Studie von einer Firma gesponsert wurde, die genau dieses Medikament herstellt?

Weißdorn oder die Kraft der zwei Herzen

In einer Übersichtsarbeit in einer amerikanischen Zeitschrift nehmen Wissenschaftler aus dem Herzzentrum in Bad Krozingen Stellung zum Einsatz der Phytopharmakons (pflanzliches Heilmittel) Crataegus, das aus dem Rosengewächse Weißdorn gewonnen wird, in der Herzmedizin. Eingesetzt wurde es als eine spezielle Zubereitung WS 1442.
Crataegus ist den Kardiologen, den Allgemeinärzten, in der Homöopathie seit Langem bekannt und wurde insbesondere von den Letzteren als „mildes“ Herzstärkungsmittel vor dem Einsatz (aber auch anstatt) stärkerer Medikamente verwendet.

Schon in der Antike berichtet Dioskurides im 1. Jahrh n. Chr. über dieses Mittel und es war auch in der traditionellen chinesischen Medizin sowie bei bestimmten Indianerstämmen bekannt. Die bekannten Wirkungen sollen in einer positiven Inotropie (Herzstärkung), einer antiarrhytmischen Wirkung (Vermeidung von Rhythmusstörungen, sowie einer steigernden Wirkung auf die Durchblutung des Herzens bestehen.
Man muss Crataegus als eines der wirksamen pflanzlichen Heilmittel betrachten, und die Arbeit, von der wir berichten, versucht dies durch wissenschaftliche Studien zu belegen. In einer Zeit, in der wir einen Umbruch in der Heilmittelanwendung beobachten in bezug auf personalisierte Therapie, genetisch definierte Ansätze und auch mit kritischer Bewertung der gerade bei Älteren oft anzutreffenden Vielfachbehandlung ist die Forderung nach einer wissenschaftlichen Begründung einer konsequenten Therapie mit Naturheilmitteln immer wieder eingehend begründet worden. Die hier referierte Arbeit kann als Beispiel dafür gelten.

Was sind nun die Ergebnisse? Um es vorwegzunehmen, sie sind nicht schlagend oder umwerfend. Sie bewegen sich in der Grauzone zwischen Trend und Signifikanz, aber allein das ist ja schon ein Ergebnis.
Man hat Patienten gewählt mit einer EF von >25% und einer NYHA-Klasse II bis III. Hier wurde Crataegus entweder als Monotherapie oder als add-on gegeben, wobei sich nachteilige Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten nicht eingestellt haben. Das allein wäre ja schon ein Ergebnis.

Es zeigen sichTrends in der Herz-Ereignisrate (also etwa Herzinfarkt, Tod oder Herzschwäche), der Gesamtmortalität. Bei der Mortalität infolge plötzlichen Herztodes waren die Ergebnisse sogar signifikant! Ausserdem ergaben sich positive Ergebnisse bei der Trainingstoleranz, die ebenfalls signifikant waren.

So sind also diese Ergebnisse einer Nutzen-Risiko-Bewertung für Crataegus in dieser Zubereitung durchaus als positiv zu bewerten. Und große Bedeutung haben sie für die oben angesprochene Forderung nach einer wissenschaftlichen Begründung des Einsatzes pflanzlicher Mittel, sodaß hier ein Weg aufgezeigt ist, die Kluft zwischen Schul – und Naturmedizin ein wenig zu schließen.

Das heißt aber nicht, dass die homöopathische Scharlatanerie damit salonfähig geworden wäre. Das ist eine ganz andere Geschichte. Und Doppelherz – die Kraft der zwei Herzen: da muss man schon bedenken, dass die Wirkung aufs Gemüt hier nicht nur auf der Herzstärkung mit Crataegus, sondern auch und vor allem auf dem Gehalt von immerhin 17% Alkohol beruht. Das wiederum ist der falsche Weg.

Telemedizin und Herzschwäche

In einer Veröffentlichung im Lancet (Efficacy of telemedical interventional management in patients with heart failure TIM-HF2: a randomised, controlled, parallel-group, unmasked trial;Lancet online 25.8.2018; https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)31880-4) wurde an mehr als 1500 Patienten mit einer Herzschwäche NYHA II-III; EF <45%) nachzuweisen versucht, dass eine telemedizinische Überwachung (O2-Sättigung, EKG, Gewicht, Medikation, Fragebogen) signifikant weniger Krankenhauseinweisungen und Sterblichkeit zeigte als in der „normal“ behandelten Kontrollgruppe.

Es wurde als Ergebnis dieser RCT-Studie konstatiert, dass nunmehr die Telemedizin für ausgesuchte und spezielle Patienten allgemein eingeführt werden sollte. Das Bundesforschungsministerium hatte diese Studie mit 10 Mio € gefördert.

So einfach ist die Sache aber doch nicht. Es wurden in der Studie Patienten eingeschlossen, die sich mit einer Vielzahl von Equipment konfrontiert sahen, die von einem Team extra geschult werden mussten – von Dropouts wird nichts berichtet. 
Zum Zweiten ist zu bedenken, dass die Studie einen immensen personellen Aufwand betrieb: es waren nur für die Studie 1 Oberärztin, 3 Fachärzte, ein 4. aus dem Kliniksdienst verfügbar, 5 Pflegekräfte arbeiteten im Zentrum, 17 (!) vor Ort mit den Patienten. Dieser Aufwand muss im Alltagsbetrieb (Pflegenotstand!) erstmal dargestellt werden.
Drittens gab es eine Kontrollgruppe, aber diese ist nirgend definiert. Gab es da auch tägliche Visiten, oder waren die Arztkontakte erheblich reduziert? Wurde sie „sich selbst“ überlassen, wie im „real life“? Gab es nur pflegerische Kontakte, wenn ja, wie waren diese strukturiert?

Das alles hat ja einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Ergebnisse und die Signifikanz der Resultate. Daher sollte man noch sehr vorsichtig mit der Aussage sein, diese Studie belege bereits deutlich den Wert der Telemedizin, die kurz vor der Einführung stünde. Dazu sind sicher noch weitere Untersuchungen notwendig, obwohl man den grundsätzlichen Wert und die Bedeutung durchaus akzeptieren sollte.

Neues vom Sport

Das Pedelec ist aus dem Szenario der Freizeit-Radler, zumal bei dem jetzigen schönen Wetter, praktisch nicht mehr wegzudenken. Man sieht sie beim Radeln auf den Freizeitstrecken immer und überall, die älteren Mitmenschen, die stolz auf ihren Elektrofahrrädern sitzen und schon durch ihre Haltiung verraten, dass sie ohne das Gerät wahrscheinlich nicht radfahren würden. Ein ganz großer Vorteil ist das, der aber in der Öffentlichkeit nicht immer richtig ankommt. Von Renntnern, von wilden Pensionären ist die Rede und davon, dass die Unfallstatistik mit diesen „Dingern“ deutlich zugenommen habe. Dass Letzteres daran liegt, das eben wesentlich mehr ältere Menschen auf das E-Rad steigen, und daher allein schon deshalb die Unfallhäufigkeit steigen muss, wird ausser Acht gelassen.

Wichtig ist auch der Vorwurf des bisher wissenschaftlich nicht erwiesenen sportlichen Nutzens, „Schonfahren“ ist das Motto. Daraus wird abgeleitet, dass ein Trainingseffekt nicht eintritt und der geforderte Herzkreislaufnutzen eines Ausdauertrainings, der für andere Ausdauer-Sportarten, hier Radfahren besonders, nachgewiesen ist, ebenfalls fehlt.

Eine neue Studie aus der Schweiz untersuchte nun das Verhalten von E-Bike (Pedelec)-Fahrern im Vergleich zu konventionellen Radlern, die das Fahrrad auf dem Wege zur Arbeit mit selbst gewählter Geschwindigkeit benutzten. Es stellt sich heraus, dass die Interventionsgruppe der 28 E-Biker im Vergleich zur Kontrollgruppe (15 Biker) einen Trainingseffekt aufweisen konnte. Die max. Sauerstoffaufnahme (peak VO2) gilt als Gold-Standard für den Nachweis eines Trainingsgeffekts. Dieser nahm in der E-Biker-Gruppe auf 3,6 ml/kg*min gegenüber nur 2.2 ml/kg*min in der Kontrollgruppe zu, als Effekt im Trend eindeutig, doch war er nicht signifikant.

Die Autoren schließen, dass das Pedelec wegen seiner bessern Terraineigenschaften (höhere Durchschnittsgeschwindigkeit und leichtere Steigungs-Überwindung) diese Effekte erklärt.

HI Herz.BIKE Saar
Unsere seit 11 Monaten laufende Studie bei Patienten mit einer Herzschwäche (HI-Herz.BIKE Saar)  stützt diese Ergebnisse auch, sodaß man vorbehaltlich weiterer Studien möglicherweise empfehlen kann, das Pedelec als nützliches Trainingsgerät bei älteren Probanden mit einer Herzkreislaufkrankheit einzusetzen. Die ärztliche Eignungsbeurteilung ist natürlich Voraussetzung!

Der Doc vom Bildschirm

Der Ärztetag 2018 hat gesprochen: Das Fernbehandlungsverbot wird aufgehoben. Der neue Gesundheitsminister begrüßt das natürlich.

Erfurt – Die Ausweitung der Fernbehandlung ist beschlossene Sache. Die Reaktionen auf den Beschluss des 121. Deutschen Ärztetags fallen bei Politik, Ärzten und Krankenkassen weitgehend positiv aus. Mit Onlinesprechstunden würden Patienten unnötige Wege und Wartezeiten erspart, begrüßte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) die Entscheidung zur Liberalisierung des Fernbehandlungsverbots. Damit helfen wir Ärzten und Patienten, sagte er.

Spahn kündigte an, einen Runden Tisch mit Vertretern der Ärzteorganisationen und ihrer Selbstverwaltung sowie des Deutschen Pflegerates einzuberufen. Dieser Expertenkreis soll die praktische Umsetzung des Beschlusses beraten. „Die neuen Möglichkeiten telemedizinischer Behandlung wollen wir jetzt auch für den Versorgungsalltag der Menschen erreichbar machen.“ Spahn hatte zum Auftakt des Ärztetages in Erfurt für eine Lockerung des Fernbehandlungsverbots geworben. (aerzteblatt.de; 10.05.2018)

Nun wird das allerdings auch präzisiert und dabei – ein bisschen – relativiert:

(aerztezeitung, 11.5.2018) Die neue Regelung in der Musterberufsordnung der Ärzte (MBO-Ä) sieht künftig in Paragraf 7 Abs. 4 vor, dass Ärzte „im Einzelfall“ auch bei ihnen noch unbekannten Patienten eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien vornehmen dürfen. Sofern dies „ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt“ gewahrt ist.

„Entscheidend ist hier die Verantwortung des Arztes und, dass es richtig dokumentiert wird“, sagte Montgomery. Die Sorgen und Ängste der Ärzte, die sich in der Debatte am Mittwoch zeigten, nimmt die BÄK dabei sehr wohl ernst.

„Sie zeigen, wie wichtig uns allen die Arzt-Patienten-Beziehung ist“, so Dr. Josef Mischo, Vorsitzender der Berufsordnungsgremien der BÄK. Aber gerade deshalb sollten Ärzte die Digitalisierung und Fernbehandlung aktiv mitgestalten.

Der Zusatz: „soweit dies ärztlich vertretbar sei und die erforderliche ärztliche Sorgfalt gewahrt sei…“ ist dabei der Schlüsselsatz. Denn er bedeutet, wenn er ernst genommen wird, eine praktische Aufhebung des Beschlusses. Denn ein Erstkontakt als reiner Bildkontakt ohne reales Gegenüber ist in hohem Maße unärztlich, wie ich das schon oft betonte. Er ist eigentlich nie ärztlich vertretbar und läßt eigentlich immer die ärztliche Sorgfalt ausser acht.

So kann man gegenüber diesem Beschluss und seiner Umsetzung eigentlich wie heute üblich gelassen bleiben und abwarten, wie die Praxis sich darstellen wird. Doch die jungen Ärzte in ihrer Sucht, ihre Work-Life-Balance zu realisieren, werden das wohl anders sehen. Tablet und Apple sei dank.

Ich bin aber nicht grundsätzlich gegen die Einbindung der digitalen medizinischen Möglichkeiten. Das habe ich auch an andere Stelle schon mehrfach dargestellt; sie müssen nur abgewogen und verhältnismäßig eingesetzt werden. Und der Patient muss Herr aller seiner Daten bleiben.

Die Sache mit der Homöopathie (II)

Es war der Naturheiler Samuel Hahnemann (1755-1843), der als der Vater der Homöopathie gilt („Similia similbus curentur“ – „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“; Prinzip der Wirkung durch extreme Wirkstoffverminderung) und der als Autor und streitbarer Arzt seine Sache mit Kraft und Durchsetzung vermarktet hat. Heute ist die Homöopathie eine immer mehr vom Patienten nachgefragte medizinische Variante, die zwar nicht evidenzbasiert, aber zusammen mit Naturheilkunde und chinesischer traditioneller Medizin das Angebot an sog. alternativer Medizin komplettiert.

Es steht außer Zweifel, dass die Homöopathie keine wissenschaftlich begründete Medizin darstellt, sondern sich anderer (esoterischer) Behandlungsinhalte bedient. Wir müssen sie als fakten- und wissenschaftlich orientierte Ärzte ablehnen. Doch dass bestimmte Anwendungsformen etwa der Globuli, deren Wirkstoffkonzentration gegen Null geht, doch „irgendwie“ heilsame Wirkungen entfalten können, wird berichtet, aber nicht begründet. Sie entbehren jeder wissenschaftlichen Absicherung. Dieser mögliche Widerspruch läßt sich nur durch den Begriff des Placebo-Effekts angenähert auflösen.

Was ist ein Placebo-Effekt (neuerdings durch den Begriff Nocebo ergänzt)? Es ist sich wörtlich übersetzt „es wird gefallen“.  Der Effekt „gefällt“ als in eine Wirkung auch dann, wenn diese eigentlich vom Evidenzstandpunkt her unmöglich ist, wenn im Heilmittel kein Wirkstoff enthalten ist. Wir das haben früher auch „weiße-Salbe-Effekt“ genannt, also ein Effekt, der eintritt, obwohl er eigentlich nicht eintreten sollte – Besserung oder gar Heilung. Ein anderer Satz in diese Richtung lautet: „Wer heilt, hat recht.“ Der Satz gibt also auch den Ärzten der Homöopathie „recht“, wenn sich ein Heilerfolg einstellt. Und manchmal stellt er sich ja auch ein; der Mensch muss nur daran glauben.

Diese „positive“ Erwartungshaltung des Patienten ist für den Placeboeffekt besonders wichtig und erklärt, warum in der letzten Zeit die Nachfrage für esoterische Heilmethoden gestiegen ist. Das berührt das weite Feld der psychischen Auseinandersetzung des Menschen als Patient mit der Schulmedizin, die als abweisend, kalt und unverständlich, dabei auch schädlich, empfunden wird. Der feste Glaube an die „andere“, „sanftere“ Medizin stellt also die Basis für die Placeboeffekte dar und begründet, warum die Homöopathie einen so festen Platz im therapeutischen Gefüge einnimmt. Sie füllt eine Leerstelle als ein Platzhalter aus, die die Schulmedizin (noch) nicht bedienen kann. Es ist aber anzunehmen, dass sich da was ändert: Sprechmedizin, Zeitvorgabe pro Patient, Verständnistherapie u.v.m. werden derzeit in der Fachwelt und der Politik diskutiert (s. Koalitionsvertrag 2018).

Sollte sich also eine Änderung in der Zukunft einstellen, dann wäre der Homöopathie, mit ihren verschwimmenden Grenzen zur unseriösen Scharlatanerie der Boden unter den Füssen weggezogen Das wäre zu wünschen. Aber solange…

Die Sache mit der Homöopathie (I)

Gut für das Herz ist Arnika, Bergwohlverleih, denn der enthaltene Wirkstoff Helenalin kann „anregend“ wirken und wurde früher deshalb bei nicht näher definierter Kreislaufschwächen gegeben, doch heute ist die „innere“ Anwendung nicht mehr erlaubt. Daher hat sich dieser Pflanze die Homöopathie angenommen und verabreicht sie in Form der berühmten Globuli (Wirkstoff hoch verdünnt…) bei einer Vielzahl nicht nur zirkulatorischer, sondern auch entzündlicher oder degenerativer Erkrankungen. Klar ist nur, dass diese Globuli wissenschaftlich gesehen keinerlei Wirkung haben können und daher in den Bereich der Unsinnigkeiten, deren es in der Homöopathie so viele gibt, verwiesen werden müssen. Ein „europäischer Naturheilbund“ beschreibt die Wirkung dieser Anwendung wunderbar so:

Arnica ist ein wichtiges Wundheilmittel bei Verletzungen, Prellung (Kontusion), Verstauchung (Distorsion), Zerrung (Distension), Blutergüssen (Hämatome), Verbrennungen, Operationsfolgen oder nach Zahnextraktionen. Des Weiteren zählen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie Herzenge (Angina pectoris), hoher Blutdruck (Hypertonie), Arterienverkalkung (Arteriosklerose), Herzschwäche (Herzinsuffizienz), Gehirnerschütterung (Commotio cerebri), Hirnschlag (Apoplex), Fieber, Husten, rheumatische Beschwerden, Gicht, Muskelkater, Depression, Blutungen aller Art und verschiedene Entzündungen wie Hirnhautentzündung (Meningitis), Blinddarmentzündung (Appendizitis), Venenentzündung (Phlebitis) und Entzündungen des Haarbalgs (Furunkel) zu den Heilanzeigen dieser Arznei.“

Gut also für Furunkulose bis Angina Pectoris – wenn das kein Wundermittel ist…

Im Deutschen Ärzteblatt nun findet sich heute eine Würdigung der homöopathischen Medizin allgemein, der eigentlich nicht viel hinzuzufügen ist, wenn man der Medizin, besonders der Kardiologie,  ein naturwissenschaftliches Prinzip zugrundelegt.

Der „Münsteraner Kreis“, de sich mit der Frage der Wertigkeit er Homöopathie in medizinethischer Hinsicht befasst, führt aus:

„Knackpunkt beim Handeln der Homöopathie-Ärzte ist … die fehlende wissenschaftliche Evidenz.

Wie (der Kreis) ausführt, lägen homöopathische Präparate entsprechend der Lehre des Begründers dieser Fachrichtung, Dr. Samuel Hahnemann, bereits ab dem ersten Dynamisationsgrad in so starker Verdünnung vor, dass es vollkommen unerheblich sei, welche Einzelsubstanz, welche Pflanze oder welches Tier als Ausgangsmaterial dienen.

Die Homöopathie führe die Wirkung ihrer Mittel deshalb auch nicht auf pharmakologische Mechanismen zurück, sondern auf den heilsamen Einfluss immaterieller, geistartiger Wirkkräfte.

„Wenn die Musterweiterbildungsordnung für die Vergabe der Zusatzbezeichnung ‚Homöopathie‘ den Erwerb einer ‚fachlichen Kompetenz in Homöopathie‘ fordert, dann fordert sie nichts anderes als eine ‚Kompetenz‘ im Umgang mit geistartigen Kräften.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wäre es dann ebenso gerechtfertigt, eine Zusatzbezeichnung ‚Gesundbeten‘ für die ‚Kompetenz‘ zu vergeben, welche Gebete zu welchen Heiligen bei welchen Krankheiten zur Anwendung kommen sollen“, heißt es launisch in dem Memorandum.“

Die Autoren wollen daher die Zusatzbezeichnung „Arzt für Homöopathie“ abschaffen, was man eigentlich nur begrüßen kann, obwohl seitens der Patienten eine deutliche Nachfrage nach dieser Form der Medizin besteht. Das ist dann auch das Hauptargument der Gegenseite, und eigentlich ist dieses Verhalten einer ernsthaften Untersuchung zuzuführen, bevor man in Bausch und Bogen eine Ablehnung favorisiert. Hier kommt nämlich eine Grundtendenz unserer Gesellschaft zum Ausdruck, die sich von der technisierten Medizin abwendet und alles, was Naturheilkunde heißt, boomen läßt. Dieser Prozess ähnelt auch dem Boom des Begriff s „Bio“, bei dem längs nicht mehr „bio drin ist, wo bio draufsteht“. Was also hat dieser erstaunliche gesellschaftliche Switch zu bedeuten?

Das Stichwort lautet „Placeboeffekt“ und meint die belegbare therapeutische Wirkung eines Mittels, dessen objektiver Wirkungsnachweis nach naturwissenschaftlichen Kriterien fehlt. Es bestehen Beziehungen zu Ganzheitsmedizin und empathischer Behandlungskonfiguration im Gegensatz zu angstbesetzter und als kalt empfundener Medizintechnik – so wichtig sie für die Therapie auch ist (aggressive Krankheiten müssen aggressiv behandelt werden).

Wir werden dies in einem zweiten Essay zu erklären versuchen.